Samstag, 23. April 2011

Kreuzverehrung warum?


Holzkreuz - entworfen und umgesetzt von Yvonne Heinrich und Bruno Ursprung
(verhüllt vor der Karfreitagsliturgie)
Fotos von Hans Rohrer (Langnau a.A.)


unverhüllt während der Fastenzeit

Karfreitagsgedanken von Yvonne Heinrich

Wir haben in der diesjährigen Fastenzeit in der unserer Pfarrkirche in Langnau das Kreuz mit einem Corpus ins Zentrum gerückt. Dazu haben wir verschiedene Leid- und Notsituationen aus Tageszeitungen und der Fastenagenda 2011 gelegt.
Was soll das? Verehren/verherrlichen wir damit das Leiden ?!
Buddhisten haben sich schon empört über dieses christliche Zeichen - das soll ein Hoffnungszeichen sein , ein Gemarteter am Galgen?! Da ist der ruhig dasitzende in sich gekehrte Buddha doch schon attraktiver, ansprechender.
Auch bei uns entbrennt ja immer mal wieder die Diskussion über die Salonfähigkeit des Kreuzes – mit oder ohne Corpus - (und es geht hier nicht nur um interreligiöse Toleranz).
Zur Karfreitagsliturgie gehört die Verehrung des Kreuzes. Aber was tun wir da eigentlich?!

Wenn wir das Kreuz verehren, dann verherrlichen wir sicher nicht das LEIDEN.
Auch Jesus hat dies ja nie getan, im Gegenteil:  Sein Leben und Engagement für die Menschen war immer leidenschaftlicher Einsatz für das Leben, für das Glück, für das Heil der Menschen. Er wollte die Heilung eines Gelähmten nicht um einen Tag aufschieben, auch wenn es Sabbat war: - ein grosses Sakrileg !
Sein Tod steht in der Verlängerung seines Lebens: sein Todesleiden erwuchs u.a. aus dem Kampf gegen das Leid. Deshalb kann Kreuzverehrung niemals Leidverharmlosung oder gar Verherrlichung bedeuten!

Kreuzverehrung heisst etwas anderes, dazu 3 Punkte:
Kreuzverehrung ist …
1. Dank für Jesu / Gottes vergebende und uns befreiende Liebe auch noch in äusserster Anfechtung: sein Ja zu uns Menschen (als Täter u Opfer), wo wir ihm gewaltsam ein Nein ins Gesicht schleudern: z.B.„ich kenne dich nicht¨- „kreuziget ihn“ oder heute „der Verhungernde soll doch sterben“… „ nun ja, Kriegs gab’s schon immer“ ..oder…“was mit der Umwelt passiert in 100 Jahren ?!– mich betriffts ja nicht mehr“! so und anders kann dieses NEIN zu Gott tönen.
Kreuzverehrung ist gleichzeitig Dank für Gottes Solidarität mit uns in dunkelsten Leid- und Verlassenheitserfahrungen, wie Krankheit und Sterben/Tod. **

2. Mitleid und Achtung/Respekt gegenüber all denen, die heute leiden, seelisch oder körperlich:..ev. bei uns zuhause, in den Onkologien der Spitälern, im strahlenverseuchten Gebiet Japans,  in Misrata… oder …?! Deshalb gehört der Bilderweg mit heutiger Not mit dazu. Christus leidet auch heute noch in allen Menschen, denen Schweres auferlegt ist. Das sagt uns Paulus im 24. Kapitel des Kolosserbriefes: „Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt.“

3.und als drittes: Kreuzverehrung nimmt uns ganz konkret in Pflicht u Verantwortung: Wir können nicht gleichgültig wegsehen! Auch wir sind gerufen zu handeln, alles Mögliche tun, um Not und Leiden um uns zu mindern oder, wo nicht möglich, mindestens solidarisch zu begleiten.

In der Karfreitagsliturgie sind wir eingeladen in diesem 3-fachen Sinne das Kreuz zu verehren: Dank, mitleidsvoller Respekt, Verpflichtung zur Tat.
Kreuzverehrung geschieht in persönlichen Gesten. Man kann eine Blume zum Kreuz bringen oder eine andere ganz individuelle Geste wählen. Dazu erklingt der Liedvers: „Adoramus te Christe, benedicimus tibi, quia per crucem tuam redemisti mundum“, das heisst: „Wir beten dich an, Christus, und preisen dich, denn durch dein Kreuz hast du die Welt erlöst.“


* Ich habe 2 Menschen in ihrer schlimmen Sterbephase des Krebleidens begleitet. Sie haben ihrem (so sinnlos erscheinenden) Leiden einen tieferen Sinn gegeben als leiden-schaftliches Gebet für andere Menschen und als ihre persönlich Dankesantwort an Jesus. Sie sind erstaunlich froh und gelassen gestorben.


Die Theologin, Künstlerin und Kunsttherapeutin Yvonne Heinrich arbeitet seit 2008 in der Pfarrei Langnau-Gattikon als Pastoralassistentin und Seelsorgerin.

Samstag, 16. April 2011

Wohin reitest du?

Gedanken zum Palmsonntag
von Markus O.Wentink
Manchmal träume ich – ich steh an dieser Strasse. Gewalzt und ausgetreten in vielen Jahren, schlängelt sie sich auf die Stadt hin, die vielen Menschen heilig ist. Ich sehe dir nach, wie du mit leicht hängenden Schultern an mir vorbei reitest, auf dieser Strasse, sonnenbeschienen und umfangen von Staubwolken, die von der begeisterten Menge aufgewirbelt wurden. Viele Menschen sind da, manche ganz ausser sich vor Freude und Zuneigung. Sie winken und jubeln. Einige habe Zweige abgerissen und wedeln damit voll äusserer und innerer Bewegung. Die Menge drängt auf dich zu. Ich sehe Leute, die sich heiser schreien, voll Ergriffenheit.
Warum tun sie das? Wegen dir?
Sie haben viel von dir gehört, denn du bist berühmt geworden. Du kannst die Massen ansprechen und die Herzen bewegen, so sagt man. Einige hätten dir die Gesundheit und andere noch viel mehr zu verdanken, ist berichtet worden. Viele wollen dich sehen und wenn es geht, sogar berühren. Es wird sicherlich den einen oder die andere geben, die anschliessend erzählen werden, sie hätten etwas ganz grossartiges erlebt und es sei fast so etwas wie der Flügelschlag Gottes zu spüren gewesen. Sie scheinen dir einfach alles zuzutrauen an diesem Tag. Du bist jemand, zu dem sie aufschauen können, der alles im Griff zu haben scheint und von dem man noch eine ganze Menge hören und sehen wird. Für sie alle bist du heute der Star mit einer unglaublichen Ausstrahlung.
Inmitten dieser bewegten Szene bleibt mein Blick an dir haften. Irgendwie bist du nicht einfach der strahlende Fluchtpunkt dieses bewegten Bildes. Es fehlt das zurückblickende Siegerlächeln, welches sagt: Alles klar! Das kriegen wir schon hin! Zweifel macht mich still. Der Jubel scheint dich eher zu erdrücken und du wirkst fast wie hin und her gestossen. Das ist nicht dein Jubel, nicht das Gefühl, das du aufsaugst, wie ein trockener Schwamm das Wasser. Ich blicke dir nach, wie du weiter reitest auf deinem Esel. Wohin reitest du? Weisst du wohin die Reise geht? Ich glaube, diese Frage nagt in dir. Du ahnst, dass dein weiterer Weg nicht einfach ein Siegeszug sein wird und der Jubel ganz schnell verstummen kann, wenn aus der Siegerpose Angstschweiss und aus dem Held ein Opfer von Gewalt und Folter wird. Du hast es nicht in der Hand, was geschehen wird und auf dich zukommt in der Stadt. Du kannst es nicht planen und bestimmen. Alles ist möglich.
Hast du gehört? – die vertraute Stimme meiner Mitarbeiterin holt mich zurück in den Alltag – Hast du es schon gehört: Frau F. ist gestorben!?
Nein, habe ich noch nicht!
Die Nachricht trifft mich, habe ich Frau F. doch noch vor nicht allzu langer Zeit gesehen und auf der Orgel spielen gehört. Stimmt, sie war nicht mehr die Jüngste, aber ihr Tod überfährt mich etwas. Damit habe ich nicht gerechnet. Spontan entsteht ein Bild mit ihrem freundlichen Lachen in meinem Inneren und ich bin berührt. Das Leben ist manchmal ein Wahnsinn, schiesst es mir durch den Kopf, manchmal kann einem das richtig Angst machen.
Ich schaue dir nach mein Reiter, wie du fortreitest in eine ungewisse und bedrohliche Zukunft. Keine Durchhalteparolen höre ich von dir, sondern spüre vielmehr deine wachsende Ohnmacht der Gewalt gegenüber.
Wohin reitest du?
Das weisst du wahrscheinlich selber nicht. Aber du reitest und lässt das Leben bewusst geschehen. Ich spüre hier eine Kraft, die mich ergreift und mich meinen Weg mit mehr Vertrauen unter die Füsse nehmen lässt.

Dienstag, 5. April 2011

Japan im März 2011

Verstörende Bilder zwischen Mitleid und Angst
Ich sitze im Zug zwischen Thalwil und Chur am Nachmittag. Eigentlich fahren wir durch einen vielversprechenden Frühlingstag. Immer wieder kämpft sich die Sonne durch die Wolken, wärmt und spiegelt sich im Wasser des Zürichsees, der links neben dem Zug vorbeizieht. Zugfahren hat etwas beruhigendes, besonders wenn es durch malerische Landschaften, pittoreske Bergpanoramen und aufgeräumte Weiler geht. Eigentlich nicht nur Fortbewegung, sondern auch Genuss und ich versuche auch heute meinen Blick in die Landschaft zu legen und die innere Ruhe zu spüren, die sich in den Landschaftsbildern spiegelt.
Heute gelingt dies jedoch nicht.
Immer wieder schieben sich die Bilder vor die vorbeiziehende Landschaft, denen ich in der vergangenen Woche ausgeliefert war. Bilder von zerstörter Landschaft, von Buchten, angefüllt mit Trümmern, von Städten und Dörfern, die nur noch in Spuren erkennbar sind, von zivilisatorischen Errungenschaften, die zum Spielball entfesselter Naturgewalten wurden – nichts mehr dort, wo es hingehört. Es sind die Katastrophenbilder aus Japan, welche über unsere Nachrichtensender direkt und immer wieder in unsere Wirklichkeit gebracht werden und so ein Teil von ihr werden. Sie gehen in meinem Kopf herum – diese Bilder: Die Verwüstungen, die die zerstörerische Kraft des Erdbebens und des Tsunamis im Norden Japans hinterlassen haben. Und dann das zerstörte Atomkraftwerk – immer wieder – statt Worte und Erklärungen, die Bilder der Trümmer und der verzweifelten Versuche zu retten, was zu retten ist.
Ich schliesse die Augen und versuch meine Gefühle zu ordnen. Da ist sicherlich Mitleid – grosses Mitleid mit einem Vater beispielsweise, der ziellos durch die Trümmer klettert und immer wieder den Namen seines vermissten Sohnes ruft. Oder  mit einer alten Frau, die vor dem leeren Fleck stehend, an dem einmal ihr Haus stand, nicht mehr weiss, wie sie weiter leben soll. Unendliches Leid, dass auch bei mir Mitleid und, vielleicht sogar noch stärker, Ohnmacht hervorruft.
Was kann ich tun? Viele Menschen stellen sich wahrscheinlich  diese Frage. Spenden an die anerkannten Hilfswerke sind sicherlich ein sinnvolles Ventil dafür. Für mich als Christ gibt es aber auch noch den Weg des Gebetes, das mich stillwerden lässt vor den Augen Gottes und meine Seele ganz leise mitschwingen lässt in dem grossen Schrei der Not, der sich in den stillen und lauten Gebeten der Menschen in Japan seinen Weg sucht, seien sie Christen, Buddhisten, Shintu-Gläubige oder Anhänger anderer Religionen und Riten.
Es gibt aber noch ein anderes grosses Gefühl, tief in meiner Seele, dass durch die Bilder aus Japan ausgelöst, wirksam ist in meinen Gefühlen und Gedanken. Es ist eine urwüchsige Form der Angst. Keine direkte Angst, wie die Angst der Menschen vor atomarer Verstrahlung und Tod, denn ich bin weit weg von Fukushima. Aber es ist auch keine irrationale Angst, die in unseren Breitengraden Menschen Geigerzähler und Jodtabletten kaufen lässt. Es ist vielmehr die Urangst des Geschöpfes, dass sich ausgeliefert sieht. Ausgeliefert unbezwingbaren Naturkräften, aber auch entfesselten Kräften, die der Mensch vermeidlich für beherrschbar gehalten hatte, wie die Atomenergie, die nicht erst in Fukushima von der Stromversorgung in nukleare Verseuchung übergegangen ist.
Ich spüre diese Angst, auch wenn ich in Sicherheit bin, denn diese Sicherheit ist nur ein Zufall. Ein Zufall, dass ich am 11.März an den Ufern des Zürichsees aufgewacht bin und nicht an den verwüsteten und verstrahlten Stränden der japanischen Küste. Zufall, Glück, Schicksal oder Vorsehung – diese Worte werden gesagt, aber sie helfen mir nicht wirklich weiter.
Ich spüre diese existentielle Angst, als Teil des kollektiven Unterbewusstseins der Menschheit. Eine Urangst, die eingeflochten in das Gewebe unseres Unterbewusstseins, ihren Ausbruch findet hinauf zur Oberfläche unseres Lebens. Ich spüre, dass es hier keine einfache Hilfe gibt. Keine einfachen Erklärungen, die schnell daher gesagt werden könnten. Mit dieser Angst bin ich allein – radikal allein. Es geht um mich. Es geht um alles. Worte verfliegen, gehaltene Hände lösen sich und errichtete Fundamente brechen zusammen. Wohin kann ich kommen mit meiner Angst, die ich nicht wirklich verdrängen kann?
Jesus Christus ruft uns in den Texten des Neuen Testamentes immer wieder zu: „Habt keine Angst!“ Ich höre diesen Ruf. Aber ist es nicht einfach eine Form der Verdrängung, wenn ich mir einrede oder einreden lasse, dass da ein guter Gott ist, der schon alles zum Guten wenden wird.? Diese Frage steht im Raum und ich kann Menschen verstehen, die bei den Themen von Leid und Tod nichts mehr sehen und hören wollen und die Flucht antreten in die kleinen Genüsse des Alltags.
Der Ruf Jesu ist jedoch keine Vertröstung. Es ist nicht die versuchte Beruhigung eines Regierungssprechers, der versucht Panik unter den Menschen zu vermeiden. Im Leben Jesu zeigt mir vielmehr ein Gott sein Gesicht, der mein Leben ernst nimmt. Ein Gott der nicht als universelle Idee unendlich weit weg ist von mir und meinem existentiellen Ausgeliefertsein. Gott verspricht nicht – er geht mit. Er begibt sich hinein in das Abenteuer des Menschseins mit äusserster Konsequenz. Nicht nur bis hin zu Folter und Tod am Kreuz, sondern bis hinein in Angst und Verlassenheit. In den Worten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, begegnet mir der von Gott verlassene Gott. Das ist paradox, aber in diesen uralten Worten trifft mich eine Einladung. Eine Einladung mit meinen Gedanken inne zu halten und aus zu halten. Ich spüre, dass der mitleidende Gott nicht einfach eine alte Geschichte ist, sondern vielmehr eine Wirklichkeit meines Lebens.
Mein Zug bringt mich der Bündner Hauptstadt näher. Die Zeit zum Nachdenken und Nachspüren ist bald vorbei. Mein Alltag wartet auf mich. Ich schliesse meine Augen und spüre, dass ich nicht allein bin und möchte mir das Gebet der Königin Esther in ihrer Todesangst zu eigen machen: „Hilf mir, denn ich bin allein und habe niemand ausser dir, o Herr!“
In diesem Gebet findet das Alleinsein seinen Ausdruck, aber auch ein Vertrauen in die Gegenwart Gottes, dass nicht nur eine oberflächliche Ahnung ist, sondern aus dem existentiellen Urwissen der gläubigen Seele kommt. Dieses Vertrauen, in welchem Esther betet, ist ein Geschenk. Eine Lebenskraft, die wir nicht einfach machen oder herstellen können. Aber ich kann sie annehmen.

Laetare

oder von der Schwierigkeit, sich zu freuen


von Markus O.Wentink

Aufforderungen zu Fröhlichkeit und Frohsinn können einem manchmal ziemlich auf die Nerven gehen. Dies passiert besonders dann, wenn die persönlichen Umstände eines Menschen nicht dazu einladen, fröhlich zu sein. „Komm lächle doch mal!“ – kann als Aufforderung schon fast verletzend sein, wenn im Inneren der Seele das Herz weint. Andererseits kann eine solche Aufforderung, wenn sie ernst gemeint ist, eine Einladung sein, den letzten Strohhalm an Lebensfreude und Lebensqualität zu ergreifen. Manchmal braucht es einfach ein Lächeln, um weiter gehen zu können. Ein Lächeln, dass mir aufrichtig entgegen kommt und mich ansteckt. Es kann ein Zeichen dafür sein, dass in einem Menschen, in den Tiefenschichten seiner Seele, eine Freude wohnt, die zu unserer Lebenskraft gehört und nicht gänzlich absterben kann, wenn wir weiterleben sollen.
Freude ist ein schwieriges Wort und manchmal scheint es mir zu den ab- und plattgedroschenen Begriffen unserer Zeit zu gehören. Alltagsfreude, Vorfreude, Schadenfreude, innere Freude, Lebensfreude, Urlaubsfreude, Gaumenfreude, Joy und Fun und vieles mehr. Freude herrscht um mich herum! Ein neues Schweizer TV-Programm für junge Leute nennt sich Joiz und eine Konnotation mit Noiz ist dabei durchaus gewollt. Was der Name bedeuten soll, ist nicht genau zu verifizieren. Wahrscheinlich, dass dieser Sender jungen Leuten einfach Spass machen möchte. Ein mitreissendes, crossmediales, junges Portal, welches unterhalten möchte und dies mit einer Art von Aufbruchstimmung versucht zu verkaufen. (www.joiz.ch)
Klischeehaft hierzu könnte ein katholischer Sonntagsgottesdienst in der Fastenzeit als Gegenteil des „Gute-Laune-Joiz“ erscheinen. In der Vorstellungswelt vieler unserer Zeitgenossen, nicht nur der jüngeren, hat der sonntägliche Kirchgang nichts mit Freude, geschweige denn mit Joy and Fun und Entertainment  zu tun. Für viele eine fremde Welt, die unverstanden bleibt, nicht bewegt und schon gar nicht mitreisst. Es wird eine eher freudlose Veranstaltung vermutet und wenn man sich in den Gottesdiensten der Zürcher Grosskonfessionen am Sonntagmorgen umschauen würde, könnte es wahrscheinlich sein, dass diese Vermutung vielerorts bestätigt würde. Bestätigt dem vielleicht, der versucht, schnell ein paar Stimmungsfetzen einzufangen und nach zwei Minuten, noch nicht mitgerissen, die Flucht antritt hin zu seiner Fernbedienung oder zur loosen Partystimmung, in die man sich begeben kann, wie in lauwarmes Badewasser: Nicht zu warm und nicht zu kalt, Hauptsache angenehm umspült. Vielleicht sollten die Pfarreien und Kirchgemeinden wirklich etwas tun für mitreissendere Musik und effektvolle Raumgestaltung. Vielleicht! Nur, wird das reichen?
Immer wieder kommen Menschen in den Gottesdienst. Immer wieder, oft ihr ganzes Leben lang. Zu den verschiedensten Anlässen, die das Leben schreibt, oder aber auch nur so, aus guter Gewohnheit, die trägt und dem Leben Sinn verleiht. Dass dies etwas mit Freude zu tun hat, kann ich erfahren, wenn ich in die Augen dieser Menschen schaue und mit ihnen ins Gespräch komme. Dann kann es passieren, dass ich bei einem Trauerbesuch auf einen Witwer treffen, der nach mehreren Jahrzehnten Ehe seine Frau verloren hat und plötzlich beginnt über Freude zu sprechen. Über tief empfundene Freude, die nicht aus dem Augenblick entsteht und nicht künstlich hergestellt werden kann. Eine Freude die über die Zeit entsteht und sich langsam auf den Seelengrund legt wie goldener Staub. Er erzählt von oft immer gleichen Ritualen, Worten, Begegnungen und Berührungen, die zu einer freudvollen Gewissheit der Liebe führen, welche auch durch den Tod nicht verschüttet wird. Und diese Freude wird geteilt zwischen Menschen, steckt andere an und ist fruchtbar, in dem sich ein grosses Beziehungsnetz bildet. Die Freude hat oft eine lange Geburt: aus Schmerz und Not erwacht sie und erstarkt sogar unter Tränen. Die Freude ist eine Frucht der Liebe, nach dem grossen Theologen und Philosophen Thomas von Aquin sogar, deren schönste.
Mitten in der Fastenzeit lädt uns die Liturgie der katholischen Kirche ein, über die Freude nachzudenken und ins Gespräch zu kommen. Wie ein lieber Gruss aus der alten, lateinischen Liturgie mutet das Wort „laetare“ an, welches dem vierten Sonntag in der Fastenzeit seinen Namen gibt und dem Introitus der Hl.Messe aus dem 66.Kapitel des Prophetenbuches Jesaja entnommen ist:
„Laetare Ierusalem: et conventum facite omnes qui diligitis eam: gaudete cum laetitia, qui in tristitia fuistis: ut exultetis, et satiemini ab uberibus consolationis vestrae.“
(Freue dich, Jerusalem, und kommt zusammen, alle, die ihr sie liebt! Seid fröhlich, die ihr traurig wart: Jubelt und trinkt euch satt an den Brüsten eurer Tröstung.“
Schöne Worte aus uralter Zeit! Aber doch auch wieder nur eine oberflächliche Einladung zum Fröhlichsein, wenn auch in sehr ästhetischer Form? Eine Frage, die berechtigt erscheint vor dem Hintergrund, dass augenscheinlich in unseren Breitengraden immer weniger Menschen authentische Lebenshilfe aus den heiligen Texten der jüdisch-christlichen Tradition beziehen und die Botschaft dieser Texte, wenn überhaupt, nur noch oberflächlich anhören und nicht persönlich nehmen. Erst beim genaueren Hinhören entfaltet die Einladung in Jesaja 66 ihre Kraft. Eine Kraft, die mein Inneres berührt, wenn ich den lebendigen Gott durch diese Worte zu mir sprechen lasse und die Worte höre in der konkreten Situation meines Lebensalltags. Ich brauche dieses göttliche Lächeln in meinem Alltag, der oft genug geprägt ist durch dunkle Sinnleere, Angst, Schmerz und Trauer. Da sind Wunden, die immer wieder aufbrechen und mir Lebensfreude rauben. Gottes Lächeln nimmt meine Traurigkeit ernst, allerdings zusammen mit dem unbändigem Willen, dass ich darin nicht untergehe. Es gibt diesen Willen – trotz allem! Das ist eine gute Botschaft. Die Bibel ist durchzogen von Hiob bis Jesus mit Geschichten und Erzählungen, die mir sagen möchten, dass Gott nichts anderes für mich möchte als Lebensfülle.
Es ist eine Grunderfahrung der Glaubenden, dass eine innere Beziehung zu dem Gott, den der Johannesbrief „die Liebe“ nennt, Wunder vollbringen kann. Wunder in dem Sinne, dass im Grunde der Seele eine Freude entsteht, die auch durch den Tod nicht verschüttet werden kann und die wir in den schweren Situationen des Lebens brauchen, um weiter leben zu können. Eine Freude die erhellt wird durch das Licht Gottes und die dieses Licht spiegelt. An mir ist es nur, die schweren Türen meines Herzens, meiner Wesensmitte, einen Spalt zu öffnen. Die Einladung zur Freude wird dann zur Einladung zum Leben. Das 5.Kapitel des Epheserbriefs, eine der offiziellen Lesungen des Laetare-Sonntags, bringt diese Einladung auf den Punkt:

„Alles Erleuchtete aber ist Licht.
Deshalb heißt es:
Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten,
und Christus wird dein Licht sein“
Aufwachen heisst auferstehen – Ostererfahrungen in unserem Alltag.
Es sind solche Erfahrungen, die Menschen glauben und manchmal auch leben lassen. Sie spiegeln sich wieder in den Augen und gelassenen Worten von älteren Gläubigen, die, mit dem Licht Gottes im Herzen, durch die Höhen und Tiefen ihres Lebens gegangen sind und eine tiefe Freude ausstrahlen. Eine Freude, die ansteckt und berührt. Eine Freude, die unsere Welt so sehr braucht.