Verstörende Bilder zwischen Mitleid und Angst
Ich sitze im Zug zwischen Thalwil und Chur am Nachmittag. Eigentlich fahren wir durch einen vielversprechenden Frühlingstag. Immer wieder kämpft sich die Sonne durch die Wolken, wärmt und spiegelt sich im Wasser des Zürichsees, der links neben dem Zug vorbeizieht. Zugfahren hat etwas beruhigendes, besonders wenn es durch malerische Landschaften, pittoreske Bergpanoramen und aufgeräumte Weiler geht. Eigentlich nicht nur Fortbewegung, sondern auch Genuss und ich versuche auch heute meinen Blick in die Landschaft zu legen und die innere Ruhe zu spüren, die sich in den Landschaftsbildern spiegelt.
Heute gelingt dies jedoch nicht.
Immer wieder schieben sich die Bilder vor die vorbeiziehende Landschaft, denen ich in der vergangenen Woche ausgeliefert war. Bilder von zerstörter Landschaft, von Buchten, angefüllt mit Trümmern, von Städten und Dörfern, die nur noch in Spuren erkennbar sind, von zivilisatorischen Errungenschaften, die zum Spielball entfesselter Naturgewalten wurden – nichts mehr dort, wo es hingehört. Es sind die Katastrophenbilder aus Japan, welche über unsere Nachrichtensender direkt und immer wieder in unsere Wirklichkeit gebracht werden und so ein Teil von ihr werden. Sie gehen in meinem Kopf herum – diese Bilder: Die Verwüstungen, die die zerstörerische Kraft des Erdbebens und des Tsunamis im Norden Japans hinterlassen haben. Und dann das zerstörte Atomkraftwerk – immer wieder – statt Worte und Erklärungen, die Bilder der Trümmer und der verzweifelten Versuche zu retten, was zu retten ist.
Ich schliesse die Augen und versuch meine Gefühle zu ordnen. Da ist sicherlich Mitleid – grosses Mitleid mit einem Vater beispielsweise, der ziellos durch die Trümmer klettert und immer wieder den Namen seines vermissten Sohnes ruft. Oder mit einer alten Frau, die vor dem leeren Fleck stehend, an dem einmal ihr Haus stand, nicht mehr weiss, wie sie weiter leben soll. Unendliches Leid, dass auch bei mir Mitleid und, vielleicht sogar noch stärker, Ohnmacht hervorruft.
Was kann ich tun? Viele Menschen stellen sich wahrscheinlich diese Frage. Spenden an die anerkannten Hilfswerke sind sicherlich ein sinnvolles Ventil dafür. Für mich als Christ gibt es aber auch noch den Weg des Gebetes, das mich stillwerden lässt vor den Augen Gottes und meine Seele ganz leise mitschwingen lässt in dem grossen Schrei der Not, der sich in den stillen und lauten Gebeten der Menschen in Japan seinen Weg sucht, seien sie Christen, Buddhisten, Shintu-Gläubige oder Anhänger anderer Religionen und Riten.
Es gibt aber noch ein anderes grosses Gefühl, tief in meiner Seele, dass durch die Bilder aus Japan ausgelöst, wirksam ist in meinen Gefühlen und Gedanken. Es ist eine urwüchsige Form der Angst. Keine direkte Angst, wie die Angst der Menschen vor atomarer Verstrahlung und Tod, denn ich bin weit weg von Fukushima. Aber es ist auch keine irrationale Angst, die in unseren Breitengraden Menschen Geigerzähler und Jodtabletten kaufen lässt. Es ist vielmehr die Urangst des Geschöpfes, dass sich ausgeliefert sieht. Ausgeliefert unbezwingbaren Naturkräften, aber auch entfesselten Kräften, die der Mensch vermeidlich für beherrschbar gehalten hatte, wie die Atomenergie, die nicht erst in Fukushima von der Stromversorgung in nukleare Verseuchung übergegangen ist.
Ich spüre diese Angst, auch wenn ich in Sicherheit bin, denn diese Sicherheit ist nur ein Zufall. Ein Zufall, dass ich am 11.März an den Ufern des Zürichsees aufgewacht bin und nicht an den verwüsteten und verstrahlten Stränden der japanischen Küste. Zufall, Glück, Schicksal oder Vorsehung – diese Worte werden gesagt, aber sie helfen mir nicht wirklich weiter.
Ich spüre diese existentielle Angst, als Teil des kollektiven Unterbewusstseins der Menschheit. Eine Urangst, die eingeflochten in das Gewebe unseres Unterbewusstseins, ihren Ausbruch findet hinauf zur Oberfläche unseres Lebens. Ich spüre, dass es hier keine einfache Hilfe gibt. Keine einfachen Erklärungen, die schnell daher gesagt werden könnten. Mit dieser Angst bin ich allein – radikal allein. Es geht um mich. Es geht um alles. Worte verfliegen, gehaltene Hände lösen sich und errichtete Fundamente brechen zusammen. Wohin kann ich kommen mit meiner Angst, die ich nicht wirklich verdrängen kann?
Jesus Christus ruft uns in den Texten des Neuen Testamentes immer wieder zu: „Habt keine Angst!“ Ich höre diesen Ruf. Aber ist es nicht einfach eine Form der Verdrängung, wenn ich mir einrede oder einreden lasse, dass da ein guter Gott ist, der schon alles zum Guten wenden wird.? Diese Frage steht im Raum und ich kann Menschen verstehen, die bei den Themen von Leid und Tod nichts mehr sehen und hören wollen und die Flucht antreten in die kleinen Genüsse des Alltags.
Der Ruf Jesu ist jedoch keine Vertröstung. Es ist nicht die versuchte Beruhigung eines Regierungssprechers, der versucht Panik unter den Menschen zu vermeiden. Im Leben Jesu zeigt mir vielmehr ein Gott sein Gesicht, der mein Leben ernst nimmt. Ein Gott der nicht als universelle Idee unendlich weit weg ist von mir und meinem existentiellen Ausgeliefertsein. Gott verspricht nicht – er geht mit. Er begibt sich hinein in das Abenteuer des Menschseins mit äusserster Konsequenz. Nicht nur bis hin zu Folter und Tod am Kreuz, sondern bis hinein in Angst und Verlassenheit. In den Worten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, begegnet mir der von Gott verlassene Gott. Das ist paradox, aber in diesen uralten Worten trifft mich eine Einladung. Eine Einladung mit meinen Gedanken inne zu halten und aus zu halten. Ich spüre, dass der mitleidende Gott nicht einfach eine alte Geschichte ist, sondern vielmehr eine Wirklichkeit meines Lebens.
Mein Zug bringt mich der Bündner Hauptstadt näher. Die Zeit zum Nachdenken und Nachspüren ist bald vorbei. Mein Alltag wartet auf mich. Ich schliesse meine Augen und spüre, dass ich nicht allein bin und möchte mir das Gebet der Königin Esther in ihrer Todesangst zu eigen machen: „Hilf mir, denn ich bin allein und habe niemand ausser dir, o Herr!“
In diesem Gebet findet das Alleinsein seinen Ausdruck, aber auch ein Vertrauen in die Gegenwart Gottes, dass nicht nur eine oberflächliche Ahnung ist, sondern aus dem existentiellen Urwissen der gläubigen Seele kommt. Dieses Vertrauen, in welchem Esther betet, ist ein Geschenk. Eine Lebenskraft, die wir nicht einfach machen oder herstellen können. Aber ich kann sie annehmen.
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