Dienstag, 5. April 2011

Laetare

oder von der Schwierigkeit, sich zu freuen


von Markus O.Wentink

Aufforderungen zu Fröhlichkeit und Frohsinn können einem manchmal ziemlich auf die Nerven gehen. Dies passiert besonders dann, wenn die persönlichen Umstände eines Menschen nicht dazu einladen, fröhlich zu sein. „Komm lächle doch mal!“ – kann als Aufforderung schon fast verletzend sein, wenn im Inneren der Seele das Herz weint. Andererseits kann eine solche Aufforderung, wenn sie ernst gemeint ist, eine Einladung sein, den letzten Strohhalm an Lebensfreude und Lebensqualität zu ergreifen. Manchmal braucht es einfach ein Lächeln, um weiter gehen zu können. Ein Lächeln, dass mir aufrichtig entgegen kommt und mich ansteckt. Es kann ein Zeichen dafür sein, dass in einem Menschen, in den Tiefenschichten seiner Seele, eine Freude wohnt, die zu unserer Lebenskraft gehört und nicht gänzlich absterben kann, wenn wir weiterleben sollen.
Freude ist ein schwieriges Wort und manchmal scheint es mir zu den ab- und plattgedroschenen Begriffen unserer Zeit zu gehören. Alltagsfreude, Vorfreude, Schadenfreude, innere Freude, Lebensfreude, Urlaubsfreude, Gaumenfreude, Joy und Fun und vieles mehr. Freude herrscht um mich herum! Ein neues Schweizer TV-Programm für junge Leute nennt sich Joiz und eine Konnotation mit Noiz ist dabei durchaus gewollt. Was der Name bedeuten soll, ist nicht genau zu verifizieren. Wahrscheinlich, dass dieser Sender jungen Leuten einfach Spass machen möchte. Ein mitreissendes, crossmediales, junges Portal, welches unterhalten möchte und dies mit einer Art von Aufbruchstimmung versucht zu verkaufen. (www.joiz.ch)
Klischeehaft hierzu könnte ein katholischer Sonntagsgottesdienst in der Fastenzeit als Gegenteil des „Gute-Laune-Joiz“ erscheinen. In der Vorstellungswelt vieler unserer Zeitgenossen, nicht nur der jüngeren, hat der sonntägliche Kirchgang nichts mit Freude, geschweige denn mit Joy and Fun und Entertainment  zu tun. Für viele eine fremde Welt, die unverstanden bleibt, nicht bewegt und schon gar nicht mitreisst. Es wird eine eher freudlose Veranstaltung vermutet und wenn man sich in den Gottesdiensten der Zürcher Grosskonfessionen am Sonntagmorgen umschauen würde, könnte es wahrscheinlich sein, dass diese Vermutung vielerorts bestätigt würde. Bestätigt dem vielleicht, der versucht, schnell ein paar Stimmungsfetzen einzufangen und nach zwei Minuten, noch nicht mitgerissen, die Flucht antritt hin zu seiner Fernbedienung oder zur loosen Partystimmung, in die man sich begeben kann, wie in lauwarmes Badewasser: Nicht zu warm und nicht zu kalt, Hauptsache angenehm umspült. Vielleicht sollten die Pfarreien und Kirchgemeinden wirklich etwas tun für mitreissendere Musik und effektvolle Raumgestaltung. Vielleicht! Nur, wird das reichen?
Immer wieder kommen Menschen in den Gottesdienst. Immer wieder, oft ihr ganzes Leben lang. Zu den verschiedensten Anlässen, die das Leben schreibt, oder aber auch nur so, aus guter Gewohnheit, die trägt und dem Leben Sinn verleiht. Dass dies etwas mit Freude zu tun hat, kann ich erfahren, wenn ich in die Augen dieser Menschen schaue und mit ihnen ins Gespräch komme. Dann kann es passieren, dass ich bei einem Trauerbesuch auf einen Witwer treffen, der nach mehreren Jahrzehnten Ehe seine Frau verloren hat und plötzlich beginnt über Freude zu sprechen. Über tief empfundene Freude, die nicht aus dem Augenblick entsteht und nicht künstlich hergestellt werden kann. Eine Freude die über die Zeit entsteht und sich langsam auf den Seelengrund legt wie goldener Staub. Er erzählt von oft immer gleichen Ritualen, Worten, Begegnungen und Berührungen, die zu einer freudvollen Gewissheit der Liebe führen, welche auch durch den Tod nicht verschüttet wird. Und diese Freude wird geteilt zwischen Menschen, steckt andere an und ist fruchtbar, in dem sich ein grosses Beziehungsnetz bildet. Die Freude hat oft eine lange Geburt: aus Schmerz und Not erwacht sie und erstarkt sogar unter Tränen. Die Freude ist eine Frucht der Liebe, nach dem grossen Theologen und Philosophen Thomas von Aquin sogar, deren schönste.
Mitten in der Fastenzeit lädt uns die Liturgie der katholischen Kirche ein, über die Freude nachzudenken und ins Gespräch zu kommen. Wie ein lieber Gruss aus der alten, lateinischen Liturgie mutet das Wort „laetare“ an, welches dem vierten Sonntag in der Fastenzeit seinen Namen gibt und dem Introitus der Hl.Messe aus dem 66.Kapitel des Prophetenbuches Jesaja entnommen ist:
„Laetare Ierusalem: et conventum facite omnes qui diligitis eam: gaudete cum laetitia, qui in tristitia fuistis: ut exultetis, et satiemini ab uberibus consolationis vestrae.“
(Freue dich, Jerusalem, und kommt zusammen, alle, die ihr sie liebt! Seid fröhlich, die ihr traurig wart: Jubelt und trinkt euch satt an den Brüsten eurer Tröstung.“
Schöne Worte aus uralter Zeit! Aber doch auch wieder nur eine oberflächliche Einladung zum Fröhlichsein, wenn auch in sehr ästhetischer Form? Eine Frage, die berechtigt erscheint vor dem Hintergrund, dass augenscheinlich in unseren Breitengraden immer weniger Menschen authentische Lebenshilfe aus den heiligen Texten der jüdisch-christlichen Tradition beziehen und die Botschaft dieser Texte, wenn überhaupt, nur noch oberflächlich anhören und nicht persönlich nehmen. Erst beim genaueren Hinhören entfaltet die Einladung in Jesaja 66 ihre Kraft. Eine Kraft, die mein Inneres berührt, wenn ich den lebendigen Gott durch diese Worte zu mir sprechen lasse und die Worte höre in der konkreten Situation meines Lebensalltags. Ich brauche dieses göttliche Lächeln in meinem Alltag, der oft genug geprägt ist durch dunkle Sinnleere, Angst, Schmerz und Trauer. Da sind Wunden, die immer wieder aufbrechen und mir Lebensfreude rauben. Gottes Lächeln nimmt meine Traurigkeit ernst, allerdings zusammen mit dem unbändigem Willen, dass ich darin nicht untergehe. Es gibt diesen Willen – trotz allem! Das ist eine gute Botschaft. Die Bibel ist durchzogen von Hiob bis Jesus mit Geschichten und Erzählungen, die mir sagen möchten, dass Gott nichts anderes für mich möchte als Lebensfülle.
Es ist eine Grunderfahrung der Glaubenden, dass eine innere Beziehung zu dem Gott, den der Johannesbrief „die Liebe“ nennt, Wunder vollbringen kann. Wunder in dem Sinne, dass im Grunde der Seele eine Freude entsteht, die auch durch den Tod nicht verschüttet werden kann und die wir in den schweren Situationen des Lebens brauchen, um weiter leben zu können. Eine Freude die erhellt wird durch das Licht Gottes und die dieses Licht spiegelt. An mir ist es nur, die schweren Türen meines Herzens, meiner Wesensmitte, einen Spalt zu öffnen. Die Einladung zur Freude wird dann zur Einladung zum Leben. Das 5.Kapitel des Epheserbriefs, eine der offiziellen Lesungen des Laetare-Sonntags, bringt diese Einladung auf den Punkt:

„Alles Erleuchtete aber ist Licht.
Deshalb heißt es:
Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten,
und Christus wird dein Licht sein“
Aufwachen heisst auferstehen – Ostererfahrungen in unserem Alltag.
Es sind solche Erfahrungen, die Menschen glauben und manchmal auch leben lassen. Sie spiegeln sich wieder in den Augen und gelassenen Worten von älteren Gläubigen, die, mit dem Licht Gottes im Herzen, durch die Höhen und Tiefen ihres Lebens gegangen sind und eine tiefe Freude ausstrahlen. Eine Freude, die ansteckt und berührt. Eine Freude, die unsere Welt so sehr braucht.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Beitrag kommentieren