Gedanken zum Palmsonntag
von Markus O.Wentink
Manchmal träume ich – ich steh an dieser Strasse. Gewalzt und ausgetreten in vielen Jahren, schlängelt sie sich auf die Stadt hin, die vielen Menschen heilig ist. Ich sehe dir nach, wie du mit leicht hängenden Schultern an mir vorbei reitest, auf dieser Strasse, sonnenbeschienen und umfangen von Staubwolken, die von der begeisterten Menge aufgewirbelt wurden. Viele Menschen sind da, manche ganz ausser sich vor Freude und Zuneigung. Sie winken und jubeln. Einige habe Zweige abgerissen und wedeln damit voll äusserer und innerer Bewegung. Die Menge drängt auf dich zu. Ich sehe Leute, die sich heiser schreien, voll Ergriffenheit.
Warum tun sie das? Wegen dir?
Sie haben viel von dir gehört, denn du bist berühmt geworden. Du kannst die Massen ansprechen und die Herzen bewegen, so sagt man. Einige hätten dir die Gesundheit und andere noch viel mehr zu verdanken, ist berichtet worden. Viele wollen dich sehen und wenn es geht, sogar berühren. Es wird sicherlich den einen oder die andere geben, die anschliessend erzählen werden, sie hätten etwas ganz grossartiges erlebt und es sei fast so etwas wie der Flügelschlag Gottes zu spüren gewesen. Sie scheinen dir einfach alles zuzutrauen an diesem Tag. Du bist jemand, zu dem sie aufschauen können, der alles im Griff zu haben scheint und von dem man noch eine ganze Menge hören und sehen wird. Für sie alle bist du heute der Star mit einer unglaublichen Ausstrahlung.
Inmitten dieser bewegten Szene bleibt mein Blick an dir haften. Irgendwie bist du nicht einfach der strahlende Fluchtpunkt dieses bewegten Bildes. Es fehlt das zurückblickende Siegerlächeln, welches sagt: Alles klar! Das kriegen wir schon hin! Zweifel macht mich still. Der Jubel scheint dich eher zu erdrücken und du wirkst fast wie hin und her gestossen. Das ist nicht dein Jubel, nicht das Gefühl, das du aufsaugst, wie ein trockener Schwamm das Wasser. Ich blicke dir nach, wie du weiter reitest auf deinem Esel. Wohin reitest du? Weisst du wohin die Reise geht? Ich glaube, diese Frage nagt in dir. Du ahnst, dass dein weiterer Weg nicht einfach ein Siegeszug sein wird und der Jubel ganz schnell verstummen kann, wenn aus der Siegerpose Angstschweiss und aus dem Held ein Opfer von Gewalt und Folter wird. Du hast es nicht in der Hand, was geschehen wird und auf dich zukommt in der Stadt. Du kannst es nicht planen und bestimmen. Alles ist möglich.
Hast du gehört? – die vertraute Stimme meiner Mitarbeiterin holt mich zurück in den Alltag – Hast du es schon gehört: Frau F. ist gestorben!?
Nein, habe ich noch nicht!
Die Nachricht trifft mich, habe ich Frau F. doch noch vor nicht allzu langer Zeit gesehen und auf der Orgel spielen gehört. Stimmt, sie war nicht mehr die Jüngste, aber ihr Tod überfährt mich etwas. Damit habe ich nicht gerechnet. Spontan entsteht ein Bild mit ihrem freundlichen Lachen in meinem Inneren und ich bin berührt. Das Leben ist manchmal ein Wahnsinn, schiesst es mir durch den Kopf, manchmal kann einem das richtig Angst machen.
Ich schaue dir nach mein Reiter, wie du fortreitest in eine ungewisse und bedrohliche Zukunft. Keine Durchhalteparolen höre ich von dir, sondern spüre vielmehr deine wachsende Ohnmacht der Gewalt gegenüber.
Wohin reitest du?
Das weisst du wahrscheinlich selber nicht. Aber du reitest und lässt das Leben bewusst geschehen. Ich spüre hier eine Kraft, die mich ergreift und mich meinen Weg mit mehr Vertrauen unter die Füsse nehmen lässt.
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