Montag, 30. Mai 2011

Visionen für einen Dorfplatz - Predigt von Dr. Jan Bauke zur Einweihung des neuen Dorfplatzes von Langnau am Albis

Mit einem Volksfest vom 27.- 29. Mai wurde der neue Dorfplatz in Langnau am Albis eingeweiht. Einen Höhepunkt bildete der ökumenische Gottesdienst am Sonntag, dem der reformierte Theologe Dr. Jan Bauke und der katholische Gemeindeleiter Diakon Markus O. Wentink vorstanden.

Liebe Langnauerinnen und Langnauer, liebe Festgemeinde!

November 1991. Es ist kalt. Und feucht. Und neblig. Wir fahren mit der SZU nach Langnau. Langnau - wo um alles in der Welt liegt das? Der Zug hält an. Wir steigen aus - und stehen verloren auf dem Bahnperron. Der Verkehr der Sihltalstrasse dröhnt uns entgegen. Wir sind durchfroren. "Langnauer Hof" prangt an einem Haus neben dem Bahnhof über der Türe. Ein warmer Kaffee – ja, das brauchen wir jetzt. Wir öffnen die Türe und treten ein. Zigarettenrauchgeschwängerte Luft schwappt uns entgegen. Es ist laut und stickig. An einigen Tischen wird gejasst, an anderen lautstark debattiert. Ist heute Abstimmungssonntag?
Wir trinken unseren Kaffee, zahlen und gehen. Es ist immer noch nass und kalt. Auto um Auto rauscht an uns vorbei. Wir trotten los. Wo ist das Dorf? Wo ist das Dorfzentrum? An der Bahnhofskreuzung weist eine Tafel Richtung Albis. Wir stapfen los. Schon nach wenigen Metern wird es schwierig. Alte Dorfstrasse oder Neue Dorfstrasse? Dorfstrasse klingt gut, Alte Dorfstrasse noch besser.
Der Dorfbach rauscht, wir kommen an einem moderneren Gewerbegebäude vorbei, an alten Flarzhäusern, an einer Fabrik. Kein Laden zeigt sich, kein Restaurant, keine Kirche, kein Dorf und kein Dorfzentrum. Und auch Spaziergänger begegnen uns keine. Wo um Gottes Willen sind wir hin geraten?
Plötzlich stehen wir vor einem alten Schulhaus und einer Molkerei. Vielleicht versteckt sich das Dorf ja hier. Wieder werden wir enttäuscht. Der Nebel wird dichter. Also weiter dem Dorfbach entlang und weiter bergauf. Dann stehen wir auf der Albisstrasse. Vor uns ein letztes Haus mit Scheune und der Wald. Haben wir irgendeine Abzweigung verpasst? Versteckt sich das Dorf absichtlich? Wir kehren um. Der Nebel lichtet sich und wir sehen plötzlich - eine Kirche! Wir steuern auf sie zu, drücken die Türklinke - leicht knarrend lässt sich die schwere Türe öffnen. Das Innere der Kirche ist nüchtern, typisch reformiert, die Milchglasfenster sind grau wie der Nebel draussen, das farbige Kreuz im mittleren Chorfenster wirkt wuchtig und will irgendwie nicht richtig zum Rest der Kirche passen.
Wir verlassen die Kirche, stehen auf dem Kirchplatz. Immerhin, die reformierte Kirche haben wir gefunden, aber das Dorfzentrum? Wollen wir wirklich von Zürich mit seinen vielen Plätzen und seiner schönen Altstadt links und rechts der Limmat nach Langnau ziehen?
Wir sind nach Langnau gezogen! Ich wohne nun schon fast zwanzig Jahre hier, und ich habe Langnau liebgewonnen. Auch ohne Dorfzentrum. Denn von Dorfzentrum ist in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts in Langnau noch immer keine Spur zu sehen. Jedenfalls sehe ich sie nicht. Dafür stosse ich eines Tages zufällig im Parterre des Pfarrhauses auf riesige und schon etwas angestaubte Papprollen. Neugierig öffne ich sie. Sie enthalten filigrane Zeichnungen mit Gebäuden und Strassen und Plätzen.
Ich betrachte die Zeichnung und Pläne und plötzlich wird mir klar: Ich habe das Langnauer Dorfzentrum in meinen Händen. Ein richtiges Dorfzentrum mit Dorfplatz, Kirche, Schule, Läden, Gemeindehaus. Ein schöner Traum?
Ein Grossteil der Zeichnungen ist Traum geblieben. Das Schwerziareal ist überbaut - mit Gemeindezentrum und Schulhäusern, aber ohne Kirche, Läden und Dorfplatz. Kein Wunder also, dass Ende der 90er Jahre die Stimmen in Langnau immer lauter werden, die sich ein Dorfzentrum wünschen. Aber noch einmal vergehen zehn lange Jahre mit viel Emotionen und Diskussionen, mit Pro und Contra, mit Wenn und Aber. Sie kennen die Geschichte!
Und dann ist er da der Langnauer Dorfplatz, dessen Einweihung wir heute feiern. Herzlichen Glückwunsch, und: Hoch soll er leben, und mit ihm all das, was wir uns von ihm erhoffen: fröhliche Festanlässe, kulturelle Höhepunkte, Begegnungen von Jung und Alt.
Wer baut, liebe Langnauerinnen und Langnauer, braucht nicht nur Geld. Er braucht Verhandlungsgeschick, Fingerspitzengefühl und Mut für die richtigen Entscheidungen, und vor allem Visionen, wie das Bauwerk eines Tages aussehen wird. Lange vor dem Langnauer Dorfplatz wollen die Bewohner von Jerusalem ihre zerstörte Stadt wieder aufbauen. Doch der Bau geht schleppend voran, viele zweifeln, dass er gelingt. Da tritt der Prophet Sacharja auf und lässt in eindrücklichen Nachtgesichten (Träumen) und Visionen das neue Jerusalem vor den Augen der Israeliten entstehen: „Jerusalem soll ohne Mauern bewohnt werden wegen der grossen Menge der Menschen und des Viehs, die darin sein wird. Doch ich will, spricht der Herr, eine feurige Mauer rings um sie her sein und will mich herrlich erweisen“ (Sach 2,8f). – „Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr“ (Sach 2,14).
Nach 70 Jahren Elend (wörtlich Ausland) im sog. babylonischen Exil (vgl. Sach 1,12) sind solche Visionen Balsam für die Seele der Israeliten. Jerusalem, nach der Eroberung durch die Babylonier ein trostloser und öder Ort, wird wieder aufgebaut (Sach 1,16)! Mit einer neuen Stadtmauer, mit einem neuen Tempel und mit neuen Plätzen:
Lesung Sacharja 8,3-6
„(3) So spricht der Herr: Ich kehre wieder auf den Zion zurück und will zu Jerusalem wohnen, dass Jerusalem eine Stadt der Treue heissen soll und der Berg des Herrn Zebaoth ein heiliger Berg. (4) So spricht der Herr Zebaoth: es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, (5) und die Plätze der Stadt sollen voll sein Knaben und Mädchen, die dort spielen. (6) So spricht der Herr Zebaoth: Erscheint dies auch unmöglich in den Augen derer, die in dieser Zeit übriggeblieben sind von diesem Volk, sollte es darum auch unmöglich erscheinen in meinen Augen? spricht der Herr Zebaoth.“

Was für ein Bild – Alt und Jung an einem Platz! Eine schöne Vision! Und ein gutes Motto für den Langnauer Dorfplatz! Aber aufgepasst – bei aller Freude über die schöne Vision. Visionen sind nicht einfach Realität. Visionen sind weder der berühmte Spatz in der Hand noch die Taube auf dem Dach. Das, was Visionen aufzeigen, lässt sich nicht im Handumdrehen herstellen. Visionen sind Hoffnungsbilder. Mal stehen sie klarer vor unserem inneren Auge, mal sind sie verschwommen, mal drohen sie ganz zu verblassen.
Aber Visionen sind im wörtlichen Sinne not-wendig. Ohne Visionen bleibt das Leben grau und unser Langnauer Dorfplatz ein Haufen Steine und Beton. Unser Dorfplatz, liebe Langnauerinnen und Langnauer, braucht uns, jung und alt, Sie und mich. Und er braucht einen Dorfgeist, der ihm Leben einhaucht. Einen Geist, der die Vision eines lebendigen Dorfplatzes Wirklichkeit werden lässt – Gottes guter und heiliger Geist!
Gibt es das? Ja, nein, vielleicht? Warum denn nicht? möchte ich zurückfragen, oder mit Sacharja: „Erscheint dies auch unmöglich in euren Augen, sollte es darum auch unmöglich erscheinen in Gottes Augen“ (Sach 8,6)? 

Samstag, 14. Mai 2011

Betrachtung zum Psalm 23 - Landschaften des Vertrauens

Psalm 23 ist ein uraltes Gebet. Ein Gebet mit archetypischen Bildern, die mein Herz berühren. Fasst wie eine Landschaft, die von einem Weg durchzogen wird, liegen die Bilder vor mir. Ein Weg der mich an meinen eigenen Lebensweg heranführen möchte, wie jeder gegangene Pilgerweg auch eine Einladung ist, meine Lebensschritte bewusster zu setzen, zurückzuschauen und die Kraft zu erspüren, die mich immer weitergehen lässt. In Gedanken gehe ich den Weg durch die Welt, die sich mir in Psalm 23 darbietet, dessen Worte, Bilder und lyrische Landschaften lebendig werden können, in Verbindung mit den Landschaften, die mir in meinem Alltag begegnen und die als Bilder meiner Seele in meinem Inneren lebendig sind. Meine Lebenswirklichkeit lasse ich von der Kraft des heiligen Textes berühren. Was mir dabei durch Kopf und Herz geht findet seinen Ausdruck in Fragen, Feststellungen und im Gespräch mit Gott.
Waldweg im Jonenthal (AG)




Ausgangspunkt und Aufbruch


Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.
Am Ausgangspunkt des Psalms steht der Beter mit dem kraftvollen Ausspruch: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.“ In diesem Satz klingt in mir die Bereitschaft zum Aufbruch wieder. Eine Bereitschaft, die sich nicht aus irgendwelchen Notwendigkeiten oder Zwängen nährt, sondern vielmehr unendliches Vertrauen ausdrückt. Ein Vertrauen, das nicht durch verständnissuchende Erklärungen entzaubert wird. Es kommt aus der Tiefe der Seele und ist einfach da, wie ein Geschenk. Ich fühle mich eingeladen, zu schmecken, wie dieses Vertrauen schmeckt und mich an den Ort des Beters zu stellen und mir sein Gebet zu eigen zu machen.
Ja, ich habe Vertrauen und ich spüre den Drang, los zu gehen. Nicht einfach wahllos und auch nicht minutiös geplant, sondern mit einem offenen Herz für deine Gegenwart, mein Gott. In deine Gegenwart kann ich mich fallen lassen, denn du bist mein Hirte. ich nehme dieses Geschenk an und möchte mich auf dem Weg, der vor mir liegt, deiner Leitung anvertrauen. Ich meine damit nicht, an straffen Fäden zu hängen, wie eine Marionette, auch erwarte ich keine Führung, wie durch ein Navigationsgerät, technisch, akkurat und fehlerfrei, ohne mein Zutun. Dass du, Gott, mein Hirte bist, heisst für mich, dass mein Leben nicht deshalb gelingen wird, weil ich alles fest im Griff habe und immer stark genug bin, die richtigen Entscheidungen zu treffen, sondern weil da ein grosser Plan ist, wie ich das Ziel meines Lebens erreichen werde. Ein Plan, der mich übersteigt. Du lässt mir alle Freiheit. Auch die Freiheit, falsche Wege zu gehen und auch negative Erfahrungen zu sammeln. Deine Führung erspart mir nicht das Leben, vielmehr gehst du liebend neben mir her und bietest mir deine Hand an.
Gottes Führung setzt Gespräch und Beziehung voraus. Sie entmündigt mich nicht, sondern fordert mich dazu heraus, sehr achtsam zu sein, für Gottes Wirken, Wort und Gegenwart in meinem Alltag.
Ich mache mich auf den Weg und vor mir breitet sich ein buntes und lebendiges Panorama aus. Mit Bildern und Orten, die mein Herz vor Sehnsucht und Glück höher schlagen lassen, aber auch mit Orten, die mir Angst machen. Ich kann aufbrechen, mit dem Vertrauen im Herzen, dass ich mich in der Lust nicht verliere, der Bedrohung standhalte und im Tod nicht in das Nichts versinke. Ich gehe.

Ort der Freiheit und Ruhe


Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen.
Grün soweit das Auge reicht. Saftige Wiesen, deren Halme sich im Wind wiegen. Ein Ort der Freiheit und Weite. Ich möchte springen und laufen. Einfach schnell laufen, egal wohin, meine Arme ausbreiten und mich mit dem sanften Sog der frischen Brise treiben lassen. Sich irgendwo einfach fallen lassen und an frischen Quellen meinen Durst löschen. Auf dem Rücken liegend mit den Handflächen über das Gras streichen und den Blick meiner Augen sich im Himmel verlieren lassen.
Zu solch einem Ort führst du mich. Ich darf ihn geniessen. Ich brauche nicht immer nach diesen quälenden Antworten zu suchen, wie „ich darf jetzt geniessen, weil…..-.“. Ich bin frei, mein Gott, dass sagst du mir. Immer wieder bricht dieses Urgefühl in den Situationen meines Alltages durch, in den unterschiedlichsten Bildern. Ich darf es leben. Das gibst du mir zu verstehen. Du kennst mein Verlangen nach Freiheit und Weite und möchtest es stillen. Deine heiligen Quellen werden zur Lust. Im grossen Panorama der Freiheit brauche ich diese Quellen, um mich nicht zu verlieren und innerlich zu verdursten. Die Weite macht mir keine Angst. Ich kann sie geniessen und bin nicht hin- und hergerissen in der Angst etwas zu verpassen. An den Quellen kann ich zu Ruhe kommen. Ich möchte achtsam sein für die Quellen auf meinem Lebensweg.

Unterwegs


Er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen.
Der nächste Ort ist eigentlich gar kein Ort. Es ist das Unterwegssein, wenn ich meinen Blick nach unten vor die Füsse richte, wenn ich nicht merke wie die Zeit vergeht und meine Gedanken wandern, angeregt vom Rhythmus der Schritte. Das Gehen läuft fast automatisch ab und manchmal muss ich staunen, dass ich nicht gestolpert oder gestrauchelt bin. Löcher und Steine habe ich intuitiv umgangen oder sicher überwunden. Ich möchte mit dem Beter des Psalms sagen: „Er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen.“ Dein Name, Gott, der bezeichnet dein Wesen und dein Wesen ist Liebe. Du hast keine Freude an meinem Straucheln und wenn ich strauchel, hilfst du mir wieder auf. Lehre mich deine Wege Herr. Ich möchte still werden und dir lauschen. Ich möchte mein Herz öffnen für deine Gegenwart – jetzt und hier.

Todesschattenschlucht


Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.
Nicht nur schöne Landschaften bilden den Horizont für meinen Weg. Zum Panorama von Psalm 23 gehört auch ein Ort, den Martin Buber mit „die Todesschattenschlucht“ übersetzt. Es ist der Ort, an welchem auch auf mein Leben der Schatten des Todes fällt. In den steilen Wänden der Schlucht halte ich den Atem an. ich spüre meine Angst vor dem Tod – meine Angst vor der grossen schwarzen Leere, die mir nicht nur im Tod entgegenkommt, sondern auch in den vielen grausamen Sinnlosigkeiten des Alltags. Muss ich hier versinken? Greift mein lebenshungriges Suchen ins Leere? Ich kenne diese Augenblicke, in welchen das Leben aus meinem Inneren zu verdunsten scheint und harte Kälte mein Herz umgreift.
Abschied, Krankheit, Einsamkeit, Tod und noch viele andere Worte kommen mir in den Sinn. Trägt mein Vertrauen an diesem Ort? Werde ich dich spüren, wenn ich falle?
Ich halte inne und atme langsam aus, spüre Boden unter meinen Füssen und beginne leise zu beten: „Dein Stock und dein Stab stützen mich,.“

Ort der Bedrohung


Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde
An diesem Ort muss ich ihnen in die Augen blicken: meinen Feinden, ja allem, was mich bedroht. Du mein Gott lässt sie nicht einfach verschwinden, wie ich es mir oft gewünscht habe. Ich fühle mich klein und ausgeliefert. Aggression steigt in mir hoch.
Unerwartetes geschieht: du veränderst die Situation und deckst mir den Tisch. Ich spüre die Kraft, die ich brauche um mich nieder zu lassen – vor ihren Augen. Ein gedeckter Tisch zwischen mir und dem, was mich bedroht. Ich lasse mich darauf ein und gebe mich nicht meinen Aggressionen hin und suche auch nicht die Flucht. Spürt das Gegenüber die Veränderung? Was passiert, wenn sie sich mit an meinen Tisch setzen?
Mein Gott, es tut so gut, über seinen eigenen Angstschatten zu springen und dem, was mich bedroht, ins Gesicht zu schauen. Auch wenn die Bedrohung nicht schnell zur leutseligen Tischgenossin mutiert und ihre Zähne verliert, ich kann vor ihr leben. Sie hat nicht das letzte Wort. Das, mein Gott, schenkst du mir.

Ort der Gastfreundschaft und des Auftrags


Du salbst mein Haupt mit Öl, du füllst mir reichlich den Becher.
Ich kann bei dir zu Gast sein. In meinem Rücken liegt ein langer Weg, auch mit Todesschatten und Bedrohung. Ich kann mich niederlassen bei dir und sein wie ich bin. Du salbst mir das Haupt, nach uralter orientalischer Sitte, welche dies den Gastgeber einem wertgeschätzten Gast gegenüber tun liess. Du meinst mich, mein Gott. Du meinst mich, so wie ich bin und lädst mich ein, zu rasten in deiner Gegenwart, ganz ohne Vorbedingungen. Ich sehne mich nach dieser Geborgenheit, die in stillschweigendem Miteinander spürbar wird.
Du lässt mich verwandelt weiterziehen und das Bild der Salbung erinnert mich an die Salbung der Könige und Propheten und auch an die Salbung anlässlich meiner Taufe. Die Begegnung mit dir ist nicht mein Eigentum. Sie sendet mich in meine Alltagswelt. Ich habe eine Aufgabe, einen Auftrag, auch wenn ich mich manchmal nutzlos fühle. Das, was für mich zu tun ist, mache ich mit der Erinnerung an die Salbung, die ich in deiner Nähe erhalten habe. Ich möchte alles machen, mit dir im Herzen. Auch das gewöhnliche und alltägliche. Mit dem Echo, das die Begegnung mit dir ausgelöst hat, im Herzen verändere ich mich und es verändert sich auch das, was ich tue und was ich berühre. Ich nehme an, was aus deiner Hand kommt und trinke den Kelch, den du mir füllst. Lachen oder Weinen - aus deiner Hand nehme ich es an. Verbunden fühle ich mich jetzt mit Jesus, der betete: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen, aber nicht mein Wille geschehe, sondern deiner,“ und ging dann hin, um das zu tun, was zu tun war.

Ort der glücklichen Heimkehr
Wallfahrtskapelle Jonenthal

Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und zum Haus des Herrn kehre ich zurück (darf ich wohnen) für die Länge meiner Tage.
Ich schau mich um. Es ist viel passiert auf meinem Weg und mein Vertrauen hat sich gelohnt. Es war das Vertrauen, dass deine Führung auf meinem Weg zuliess. Es konnte so Kraft freigesetzt werden, die vieles möglich gemacht hat, was allein ein guter Wille nicht vermocht hätte. Ich bin jetzt am Ziel und komme zurück in dein Haus. Ich komme zurück in dein Heiligtum und habe das Ziel meines Weges erreicht. Kein Ziel, das mir völlig unbekannt wäre, oder wo ich noch nie gewesen wäre. Ich bin dankbar das Martin Buber den letzten Vers von Psalm 23 mit der Wort „zurückkehren“ übersetzt hat, denn irgendwie muss ich schon oft in deinem Heiligtum gewesen sein. Das spüre ich. Wenn ich auf meinem Weg nicht schon immer ein Stück deines Heiligtums, ein Stück des Himmels, in meinem Herzen gehabt hätte, hätte ich den Weg nicht gehen können.
Ich werde still und staune: Ein uraltes Gebet, Psalm 23 ist zu meinem Gebet geworden.
Markus O. Wentink

Die folgende Betrachtung ist entstanden als begleitender Text zur Morgenwanderung zur Kapelle im Jonenthal (AG) am 14. Mai 2011, die vom Katholischen Männerverein Langnau-Gattikon organisiert wurde.