Das Land, in dem wir leben, verändert sich. Dies gilt besonders für das, was die Menschen glauben, hoffen und woher sie ihre Wertüberzeugungen beziehen. Die religiöse Langkarte der Schweiz hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert: flächendeckende Volkskirchen werden zu Bekenntniskirchen, immer mehr Menschen leben ohne religiöses Bekenntnis und Zuwanderer bringen einen selbstbewussten Islam in unser Land. Manche sind dadurch verunsichert, andere begrüssen diese freiheitliche Gesellschaftsform und sehen darin eine Chance für ein wirklich menschliches Miteinander. Gefragt sind Toleranz und Dialog. Aber worauf gründen wir die, dazu nötige Offenheit des Geistes?
Es gibt eine Ideologie, welche die Auffassung vertritt, dass religiöse Toleranz dadurch hergestellt wird, dass die Religion als solche marginalisiert, sowie aus der Öffentlichkeit und den Schulen verbannt wird. Über Religion sollte bestenfalls noch als kulturelles Phänomen gesprochen werden. Diese Ideologie ist in Politik und Medien hoch wirksam, vernachlässigt aber die Frage, woher wir unsere eigentliche kulturelle Identität nehmen. Reichen Wohlstand und eine verschwommen definierte nationale Identität aus, um den Kern der menschlichen Existenz zu füllen? Oder ist es vielmehr so, dass ein Mensch gerade dann, wenn er auf eine gesunde spirituelle Verwurzelung zurückgreifen kann, genügend Selbstvertrauen entwickelt und so anderen Überzeugungen ohne Angst und mit Offenheit begegnen kann? Wenn ich keinen festen eigenen Glauben habe, macht mir der feste Glauben anderer Menschen Angst. Nur mit einem eigenen Glauben kann ich anderen Überzeugungen auf Augenhöhe begegnen und in einen echten Dialog eintreten, zu dem auch eine gesunde und freundschaftliche Streitkultur gehört.
Auch ein weltanschaulich neutraler Staat kann von einer Zusammenarbeit mit den Religionen nur profitieren.